Eine Antwort darauf haben wir, glaube ich, erst im Verlauf des Arbeitseinsatzes gefunden.
Unser Projekt hat eine lange Vorgeschichte.
Vor 7 Jahren war ich bei einer Tagung in Vilnius, bei der es um die jüdische Geschichte Litauens ging. Nach dieser Tagung fuhr ich mit Herrn Pfarrer Erhard Mische, unserem ehemaligen Gemeindepfarrer, in den Norden Litauens , in das anfangs genannte Birzai. Diese kleine Stadt ist das Zentrum der kleinen litauischen Reformierten Kirche.
Erhard Mische führte mich auf den riesigen, fast zugewachsenen Jüdischen Friedhof. Wir fragten uns:
Warum gibt es in einer so relativ kleinen Stadt einen so großen Jüdischen Friedhof?
Wir fragten verschiedene Leute, auch den Pfarrer der Gemeinde, und bekamen keine Antwort.
Das hat uns nicht mehr losgelassen.
Wir fingen an, uns mit der deutsch-jüdisch-litauischen Geschichte zu befassen.
Dabei fanden wir heraus, dass Litauen bis in die Dreißiger Jahre ein Zentrum jüdischen Lebens gewesen ist und die Juden viel zur kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung des Landes beigetragen haben - viel mehr als in Deutschland.
Warum bekamen wir in Birzai keine Antwort? Warum bekamen wir auch anderswo bei der Frage nach jüdischem Leben keine Antwort?
Dazu muss man sich in die litauische Geschichte des letzten Jahrhunderts hineinbegeben, die bei uns bis heute leider viel zu wenig bekannt ist.
1939 schloss Hitler mit Stalin einen Pakt, mit dem er die Baltischen Staaten der Sowjetunion überließ. Das bedeutete: Die Sowjets marschierten ins Baltikum ein mit der Absicht, dort sozialistische Musterrepubliken zu errichten. Das hieß: Kollektivierung z.B. der Landwirtschaft und vor allem: Deportation vieler Litauer, die angeblich nicht in einen sozialistischen Staat passten.
Die Angst vor Deportationen, die ständig stattfanden, erfasste viele Menschen. Wann sind wir dran?, fragten sie sich.

1941, ein knappes Jahr später, brach Hitler den Pakt und ließ deutsche Truppen in die Baltischen Staaten einmarschieren. Viele Litauer verspürten zunächst Erleichterung.Die Sowjets waren weg.
Sie bemerkten, dass die Deutschen es auf die Juden abgesehen hatten, die aus ihren Häusern vertrieben und in Ghettos eingesperrt wurden. Manche Litauer halfen den Deutschen dabei. Es gab verschiedene Motive: Vielleicht wollte man sich den neuen Besatzern andienen? Vor allem aber waren wohl Neid und Besitzgier ein Grund.
In fast jedem Ort Litauens, in dem Juden lebten, führten die Deutschen Erschießungen durch, sie fanden in der Regel in den Wäldern statt und fast niemand , kein Jude und keine Jüdin, hatten eine Überlebenschance.
Ghettos wurden nur in den größeren Städten eingerichtet. Wenn das Ghetto voll war, gab es eine Aktion, d.h. eine Massenerschießung.
Diese Blutbäder hielten so lange an bis die Deutschen 1943 durch die Sowjets vertrieben wurden . Da gab es in Litauen schon keine Juden mehr.
Und die Sowjets machten dort weiter, wo sie 1941 aufgehört hatten: Sie deportierten Litauer, die ihnen nicht ins System zu passen schienen, hauptsächlich nach Sibirien, aber auch in andere Länder Sowjetunion. Viele starben in den Lagern. Das ist den Litauern heute viel mehr im Gedächtnis als die Ermordung der Juden.

Bei der Beschäftigung mit dieser Geschichte wurde Erhard Mische und mir klar, wie sehr wir als Deutsche in diese litauische Schreckensgeschichte verwickelt sind und was wir angerichtet haben.

Zurück zu unserem jüdischen Friedhof in Birzai.
Vor 1 1/2 Jahren haben wir mit einer Reisegruppe der Gesellschaft für Christlich - Jüdische Zusammenarbeit diesen Friedhof wieder besucht und wir haben auch wieder gefragt.
Diesmal bekamen wir Antwort. Seit dem 16. Jahrhundert waren 40% der Bewohner Birzais jüdisch. Bis zu dem großen Massaker am 8. August 1941 sind alle jüdischen Verstorbenen auf diesem Friedhof begraben.
Doch an diesem Tag, dem 8. August 1941 wurden 2400 jüdische Menschen aus Birzai, darunter 900 Kinder, in einem nahegelegenen Wald an einem See erschossen . Die Schüsse konnte man von morgens 9 Uhr bis zum Abend hören.
Stellen Sie sich das einen Augenblick konkret vor: Sie werden gewaltsam aus Ihrem Haus geholt, auf einen Lastwagen geschubst, an eine unbekannten Ort gefahren. Sie müssen sich ausziehen, aufstellen, starren auf einen Berg Leichen vor sich und wissen: Gleich werde ich auch dort liegen. Denken Sie an die Kinder: ihr Geschrei, ihre Fluchtversuche, die Brutalität der Wachmannschaften. Da geht einem das Wort "Versöhnung" nicht mehr so leicht über die Lippen. Heute gibt es nur noch einen einzigen, hochbetagten und sehr kranken jüdischen Überlebenden in der kleinen Stadt.
Aufgrund dieser Informationen  entstand die Idee zu unserem Projekt, dabei zu helfen, den Friedhof instand zu setzen. Als wir dann in Birzai waren, haben wir ganz neue Erfahrungen gemacht.
Wir haben erfahren, dass bei der Arbeit mit den Händen und dem gleichzeitigen Nachdenken über eine verwickelte, schuldbeladene Geschichte sich die dunklen Wolken heben können.
Wir haben erfahren, dass in dem Zusammenarbeiten mit den jungen Birzaier Gymnasiasten ihre Fröhlichkeit uns angesteckt hat und die schöne Liedzeile, die von "dem Sieg des Lebens" spricht, für uns  real wurde. Wir werden dieses Lied in unserem Gottesdienst gleich singen.
Wir haben erfahren, dass gemeinsames Arbeiten vor dem beschriebenen Hintergrund Barrieren auflöst, so wenigstens erkläre ich mir, dass immer wieder Frauen kamen und uns Obst aus ihren Gärten brachten oder einfach nur alte Decken, um das abgeschnittene Zeug wegzutragen, weil uns Schubkarren fehlten.
Wir sind aber auch demütig und bescheiden geworden angesichts der Fürsorge und der Know How - Unterstützung, die wir durch die beiden Birzaier Bürgermeisterinnen und die Mitarbeiter der Kommune erfuhren.
Und auch das ist wichtig: Jeder und jede von uns hat sich auf seine Weise mit unseren jüdischen Geschwistern identifiziert, wenn da auf einem Grabstein auf einmal ein Name auftauchte und man in ein persönliches stilles Zwiegespräch eintrat: Wer bist du gewesen, der du da unter diesem Stein liegst, sind deine Kinder oder Enkel auch bei dem von den Deutschen angerichteten Massaker umgebracht worden?
Eine letzte Erfahrung ist wohl auch die, dass so ein Projekt nie vollkommen ist. Bei dem Friedhof in Birzai ist das augenfällig, denn wir haben gemeinsam mit den Schülern nur ein Drittel des großen Friedhofs herrichten können, zwei Drittel sind fast noch Urwald und das Gras und das Unkraut wachsen jedes Jahr von Neuem.
Versöhnung braucht viel Zeit.

Gesäuberter, guterhaltener Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Birzai

Gesäuberter, guterhaltener Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Birzai

 

Gertrud Wagner

Ev. Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich - Jüdische Zusammenarbeit in Lippe